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Gemeindebau

Der Wiener Gemeindebau ist der „Arbeitsraum“ von wohnpartner und der Lebensraum von mehr als einem Viertel aller WienerInnen. Mit seiner großen sozialen Durchmischung ist er ein lebendiger Ausdruck unserer offenen (Stadt)Gesellschaft. In seiner integrativen Funktion und reichhaltigen Geschichteist er ein Vorbild Europas. Keine andere europäische Stadt, verfügt über annähernd so viel leistbaren Wohnraum, der vor dem freien Spiel der Kräfte am freien Wohnungsmarkt geschützt ist.

Wo, wie im Wiener Gemeindebau, viele unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Einstellungen, Haltungen und Interessen aufeinandertreffen, kommt es natürlich auch zu Konflikten und Spannungen. Diese begreift wohnpartner als etwas grundsätzlich Positives. Wo unterschiedliche Interessen sichtbar werden, entstehen Chancen für Begegnung, Aushandlung und positiver Veränderung. Damit Konflikte sich in positiver Weise entfalten können, werden die Betroffenen mit vielerlei Gesprächs- und Aktivitätsangeboten von wohnpartner unterstützt und begleitet. Konflikte sind die Antriebsfedern von gesellschaftlicher Entwicklung und diese findet auch in der Wohnumgebung statt.

Wien, der Gemeindebau und die Herausforderungen der wachsenden Stadt

Wien ist eine wachsende Stadt, und das ist gut so, weil sich dies positiv auf Innovationen, Investitionen und letztlich den Wohlstand in der Stadt auswirkt. Wachstum bedeutet gleichsam den ständigen Bedarf nach immer mehr Wohnraum für immer mehr Menschen. Die höhere Nachfrage reguliert am freien Wohnungsmarkt die Mietpreise, und führt in der wachsenden Stadt dazu, dass Wohnen für viele immer weniger leistbar wird. Stark erhöhte Mietpreise führen zur Verteilung von BewohnerInnen nach deren Einkommen und zur Verdrängung von BewohnerInnen mit niedrigeren Einkommen in die Peripherie der Stadt bzw. in Stadtteile mit hohem Sanierungsbedarf und daher günstigen Mietpreisen.

Diese Phänomene von Verdrängung bestehender MieterInnen und die strikte Trennung von „arm“ und „reich“ werden unter den Begriffen Gentrifizierung und residenzieller Segregation zur Zeit international stark diskutiert. Dies umso mehr, als diese Phänomene nicht nur die Ärmsten, sondern immer stärker auch den Mittelstand betreffen.

Sie führen zur Entstehung sogenannter benachteiligter Gebiete, die dann in den Medien unter Schlagwörtern wie „soziale Brennpunkte“ oder sogar „Ghettoisierung“ thematisiert werden. Der Wiener Gemeindebau ist das funktionierende Gegenmodell zur residenziellen Segregation (Wade 2015: 70) und macht Wien somit zum Vorbild für viele andere Städte.

Wien ist anders!

Wien wächst. In den kommenden 10 Jahren soll Wien auf über 2 Mio. BewohnerInnen wachsen. Anders als in den meisten anderen europäischen Städten kann Wien dank der sozialen Durchmischung erfolgreich einer gesellschaftlichen Aufspaltung entgegenwirken. Menschen aller Einkommensklassen und Lebensstile leben unabhängig von Herkunft, Alter, etc. in allen Stadtteilen und Bezirken in Wien. Wien ist sozial durchmischt und vielfältig, von jedem Grätzl bis zu jedem Bezirk.

Einen großen Beitrag zu dieser urbanen Qualität leistet der Wiener Gemeindebau. Während kommunales oder soziales Wohnen in vielen anderen Städten lediglich Mindeststandards zu günstigen Preisen für die Ärmsten bereitstellt – und damit das Problem der gesellschaftlichen Spaltung verstärkt – schafft der Wiener Gemeindebau seit jeher hochqualitativen Wohnraum, der für alle leistbar ist. Diese hohen Standards machen den Wohnraum für verschiedene soziale Schichten interessant und fördern die soziale Durchmischung im Gemeindebau.

Anstatt ärmere Menschen in Randlagen zu verdrängen, und damit die Herausbildung sozialer Brennpunkte, wie die Banlieus in Paris, zu fördern, setzt Wien auf gelebte Diversität, die in der lokalen Nachbarschaft des Gemeindebaus als geteilter Wohnort unterschiedlichster Menschen zum Ausdruck kommt – Tür an Tür leben hier die verschiedensten Menschen, von  notstandhilfebeziehenden Alleinerziehenden bis zu Parlamentsabgeordneten.

In Wien ist dies möglich, weil die Stadt nicht das erste Mal von der Herausforderung des Wachstums betroffen ist, und aus seiner Geschichte gelernt hat. Vor allem hat Wien nicht den Fehler vieler anderer Städte begangen, in die „Privatisierungsfalle“ zu tappen und den über Jahrzehnte aufgebauten städtischen Wohnraum zur kurzfristigen Entlastung des Haushaltes zu verkaufen.

Geschichte des roten Wiens

Der Wiener Gemeindebau ist das Herzstück dieser Geschichte, die knapp nach Beginn der ersten Republik 1919 ihren Anfang nahm und unter dem Begriff des „roten Wiens“ internationale Bekanntheit erlangte. Zu dieser Zeit war die Stadt innerhalb von weniger als drei Jahrzenten um 800.000 - also ca. 50 % von 1890 - auf über 2,2 Mio. gewachsen. Vor allem rund um den Westgürtel der Stadt nutzten SpekulantInnen und InvestorInnen die Wohnungsnot um billig Wohnraum zu errichten und die Preise entlang der Nachfrage, und somit gleichzeitig das Elend der ArbeiterInnen in die Höhe zu treiben.

Die dichte Verbauung und der Mangel an Grünraum in diesen Bezirken zeugen heute noch von dieser Praxis, der mit dem 1917 erlassenen Mieterschutz ein Riegel vorgeschoben wurde. Die damit festgeschriebene Deckelung des Mietzinses auf Vorkriegsniveau machte weitere Investitionen für private InvestorInnen uninteressant und ebnete den Wiener Weg zur Errichtung kommunaler Wohnbauten. Einen Weg, den das rote Wien bis zum Austrofaschismus sehr konsequent und progressiv beschritt.

Finanziert durch die Einführung neuer umverteilungsorientierter Steuern, wie der Wohnbausteuer, wurden allein in der Zwischenkriegszeit etwa 65.000 städtische Wohnungen errichtet. Dabei handelte es sich nicht um Notunterkünfte mit dürftiger Ausstattung, sondern vielmehr um Wohnungen, die über die bloße Leistbarkeit hinaus, zugunsten der Lebensqualität, die damaligen Standards übererfüllten.

Tradition & Zukunft

Im Anschluss an diese Tradition und das Erbe des roten Wiens hat die Stadt bis heute mehr als 220.000 Gemeindewohnungen errichtet. Mehr als ein Viertel aller WienerInnen lebt im Gemeindebau. Galten die Gemeindebauten mit ihrer teils monumentalen Architektur historisch als Bollwerke des Sozialismus gegen den Austrofaschismus, so sind sie es heute zur nachhaltigen Sicherung von leistbarem Wohnen in der wachsenden Stadt. Dieses Erbe gilt es im Sinne eines positiven Wachstums zum Wohl aller WienerInnen auch im 21. Jahrhundert zu bewahren und weiterzuentwickeln.

wohnpartner und die soziale Dimension des Zusammenlebens im Gemeindebau

Was das Wohl der BürgerInnen Wiens und der BewohnerInnen des Gemeindebaus betrifft, hat die Stadt erkannt, dass neben der Bereitstellung von qualitativ hochwertigem Wohnraum und deren Erhaltung, auch soziale Aspekte des Zusammenlebens sehr wichtig sind. Für viele ist die unmittelbare Wohnumgebung der wichtigste Ort für Begegnung, Betätigung und soziale und gesellschaftliche Teilhabe. Die Wohnumgebung gilt es in diesem Sinn als einen „Ort des leichten Handelns“ zu verstehen, der neben dem Wohnen auch andere gesellschaftliche Bedürfnisse erfüllt – beispielsweise Konsum, Kommunikation, sinnerfüllte Tätigkeiten, Freizeitgestaltung, etc. Für Menschen, die aufgrund materieller, körperlicher oder sozialer Einschränkungen weniger mobil sind, können Gelegenheiten für sozialen Austausch und Betätigung in der Wohnumgebung Voraussetzungen zur Erfüllung gesellschaftlicher Grundbedürfnisse sein und deren Handlungsmöglichkeiten erweitern.

Starke soziale Durchmischung, welche die Stadt auch in den Gemeindebauten fördert, wird von einigen Menschen dabei manchmal auch als verunsichernd erlebt. wohnpartner wurde 2010 wienweit eingeführt, um die Qualitäten und Vorteile der gelebten Diversität im Wiener Gemeindebau zur Verbesserung der Wohnzufriedenheit und Lebensqualität der BewohnerInnen nutzbar zu machen. Oft braucht es die Bereitstellung und Begleitung von Gelegenheiten, damit Menschen ins Gespräch kommen. Etwa beim Siedlungsfest, Frauencafe, Picknick im Park, im BewohnerInnentreff, etc. Und oft ergeben sich diese Gelegenheiten über die Sichtbarwerdung unterschiedlicher Interessen im Konfliktfall. wohnpartner unterstützt und begleitet diese Prozesse in vielerlei Rollen und mit unterschiedlichsten Methoden der Gemeinwesenarbeit und der Konfliktarbeit.

Literatur:

Wade Manuela (2015): Mikrokosmos Stadtviertel. Lokale Partizipation und Raumpolitik. Bielefeld: Transcript Verlag.

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